22.-23.8.2026 Auf dem Tessiner Weg von Airolo nach Bodio.

Zugegeben: Wir sind nicht auf dem original ausgeschilderten Tessiner Jakobsweg unterwegs. Dieser führt nach meinen Begriffen zu fest der Autobahn oder dem Fluss Ticino entlang. Zudem finde ich dort für eine Gruppe keine passenden Unterkünfte. So sind wir auf der Strada alta untewegs, neu auch bekannt als Trans Swiss Trail. Uns leitet unterwegs das Thema „Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten.“ (August Bebel, 1840-1913) Am ersten Tag gehen wir auf dem Weg von Airolo nach Deggio der eigenen Geschichte und Prägung nach: Wie bin ich geworden? Was hängt mir an? Was habe ich abgelegt? Was ist an mir und mit mir neu geworden? Welcher Mensch will ich werden? Am zweiten Tag geht es unterwegs von Calpiogna nach Cavagnago um den Aspekt des Glaubens an Gott. Die vielen Kapellen am Weg machen deutlich: Das Christentum hatte eine Zeit des Vormittags: Aufbau, Durchdringung der Bevölkerung und Prägung der Gesellschaft. Jetzt befindet es sich im Mittag, ein bisschen wie in der Midlife Crisis: War es das? Das Bisherige trägt nicht mehr. Es stehen an der Schelle zum Nachmittag Tiefenbohrung an, keine Wideerholung des Vormittags. So weiter, wie es bisher gelaufen ist, wird es nicht weitergehen. Aber dass Gott Mensch geworden ist und gegenwärtig ist lässts sich neu erkunden. Wie ist das mit meiner eigenen spirituellen Biografie? Am dritten Tag nehmen wir unterwegs von Giornico nach Bodio über Faidalo die ennetbirgischen Feldzüge der Eidgenossen in der Leventina und der Lombardei zur Kenntnis (Schlacht bei Giornico, 1478), dass die Eidgenossen drei Jahre lang mal Mailand als Vogtei beherrschten, sich dann aber auf das Gebiet des heutigen Tessins beschränken mussten, dort Vögte waren, bis Napoleons Helvetik und Mediationsakte und endgültig der nachfolgende Wiener Kongress dem Kanton Tessin den Weg ebneten, auch wenn Uri zuerst dort noch weiterhin Vogt spielen wollte. Wie ist das heute mit den Kämpfen um Einfluss und Macht? Was hält Europa zusammen ausser einer Wirtschaftsunion (so startete in den 50er Jahren des 20. Jh. die heutige EU, als reine Wirtschaftsgemeinschaft: Kohle und Stahl!). Der Jakobsweg ist ein Kulturweg Europas. Er bringt Menschen unterschiedlicher Länder unterwegs ins Gespräch, in Begegnung und lässt sie einander Kennenlernen. Kein schlechte schlechte Möglichkeit, sich grenzüberschreitend zu verbinden. Wir brauchen das heute.

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